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Portfolio - neue Form des Zeugnisschreibens



 

Einleitung

 

Weshalb neue Beurteilungsformen?

In den vergangenen Jahren haben an einigen Rudolf Steiner Schulen in der Schweiz ganze Lehrerkollegien oder einzelne Lehrkräfte neue Formen schulischer Beurteilung, des Zeugnis-Schreibens, und der Rückmeldungen an SchülerInnen und Eltern zu entwickeln begonnen. Oft sind aber die Arbeitsgrundlagen und Erfahrungen nur gerade im schulinternen Kreis bekannt.

 

Auch im Ausland werden heute an zahlreichen Rudolf Steiner-Schulen neue Beurteilungsformen entwickelt, insbesondere in Norwegen, England und Holland. So wurde beispielsweise in Den Haag, Rotterdam und Leiden das Abschlusszeugnis gestrichen und ab Sommer 2002 ein Portfolio-Zeugnis für alle Schulabgänger eingeführt (Portfolio: eine über einen längeren Zeitraum erstellte Dokumentation exemplarischer Arbeiten der SchülerInnen). An der Rudolf Steiner Schule Amsterdam ist die Selbstbeurteilung der OberstufenschülerInnen bereits seit einigen Jahren fester Bestandteil der Zeugnisse geworden.

 

Neue Beurteilungsformen auch für Maturitätsprüfungen

Neue Beurteilungsformen machen heute selbst vor den Gymnasien und den Maturitätsprüfungen nicht halt. Auf Grundlage des neuen Maturitätsreglements läuft an den Basler Gymnasien ein Projekt zur Entwicklung neuer Maturitätsprüfungen, die neben Gruppenprüfungen, insbesondere auch die sogenannten Portfolio-Prüfungen vorsieht.


 

Portfolio-Prüfungen

 

Mit Portfolio zu arbeiten bietet Gelegenheit neue ganzheitliche Prüfungsformen zu entwickeln. Ein Jahresportfolio, in der Abschlussklasse erarbeitet, kann direkt als Prüfungsportfolio verwendet werden. Es dokumentiert anhand der ausgewählten Arbeiten exemplarisch die individuelle Entwicklung und den persönlichen Leistungsstand der SchülerInnen in den verschiedenen Unterrichtsbereichen. Die Portfolio-Prüfung gibt den SchülerInnen Gelegenheit, an vereinbarten Themen unterschiedlich lang zu arbeiten. Prüfungsportfolios erlauben den Einsatz von Hilfsmitteln und Beratungen. Diese Hilfen werden anschliessend bei der Bewertung und Kommentierung der Leistungen genannt und schaffen zusätzliche Individualisierungsmöglichkeiten für schwächere SchülerInnen. Durch Portfolio-Prüfungen können auch Gruppen- und Projektarbeiten in die Beurteilung miteinbezogen werden. Der Einsatz unterschiedlicher Ausdrucksmittel in Prüfungsportfolios (Fotos, Video usw.) vergrössert den Spielraum für Prüfungen in Kunst- und Gestaltungsfächern, wie z.B. Dokumentationen einer Eurythmieaufführung, einer plastischen Arbeit usw.). Die Kombination von Selbst- und Fremdbeurteilung in Prüfungsportfolios macht Leistungsanforderungen und Beurteilungskriterien für SchülerInnen einsehbar und macht Leistungsbewertung nicht mehr alleine zur Sache der prüfenden Lehrkräfte. Für eine abschliessende Bewertung der Prüfungsportfolios können externe Experten vergleichbarer Schultypen beigezogen werden. Diese Bewertung kann vor dem Hintergrund des vorliegenden Dossiers durch mündliche Prüfungen erweitert werden. Bei Einseitigkeiten des Portfolios können Zusatzaufgaben gestellt werden.


 

Selbst- und Fremdbeurteilung

 

SchülerInnen, die sich ihre Urteilsfähigkeit heranbilden, finden dafür in der Kombination von Selbst- und Fremdbeurteilung ein breites Entwicklungsfeld. Die Selbstbeurteilung, im richtigen Alter angewandt, kann die Entwicklung der Selbständigkeit, der Selbstverantwortung, der sozialen Fähigkeiten, sowie das Finden individueller Lernwege fördern. Die Kombination von Selbst- und Fremdbeurteilung lässt sich in allen angeführten neuen Beurteilungsformen integrieren. Hingegen ist Selbstbeurteilung ohne individuell oder kollektiv vereinbarte Entwicklungsziele ebenso wenig wirkungsvoll, wie eine einmalige Selbstbeurteilung als Standortbestimmung am Ende des Schuljahres (es fehlen die Zwischeneinschätzungen, welche die Fortschritte erkennen lassen). Mit der sprachlich formulierten Selbstbewertung tun die SchülerInnen einen wichtigen Schritt in Richtung Selbständigkeit des Lernens.

 

Portfolios

Das Erstellen von Sammelmappen mit ausgewählten Arbeiten des Schülers kennen wir seit langem von Schulen in den Bereichen Kunst und Gestaltung. Sie dient dort z.B. der Beurteilung bei Aufnahmeverfahren.

 

Ein Portfolio an allgemeinbildenden Schulen dokumentiert das Gelernte in den verschiedenen Unterrichtsgebieten. Es sammelt positive Leistungen und verweist die Fehlersuche auf die hinteren Ränge.

 

Portfolio zeigt sehr oft nicht nur die Arbeiten der SchülerInnen, sondern auch ihre Reflektionen darüber. Portfolio kann ihre persönlichen Fortschritte, ihre individuellen Lernwege, ihre Freuden, Enttäuschungen und Anstrengungen zum Ausdruck bringen. Portfolio macht den SchülerInnen deutlich, dass Lernen ein Prozess ist.

 

Im Unterschied zu ganzen Unterrichtsdokumentationen (Epochenheften) zeigt das Portfolio einzelne charakteristische Arbeiten. Die Auswahl der eingelegten Dokumente kann nach vereinbarten Vorgaben durch die SchülerInnen selbst erfolgen. Wenn die Epochendokumentation bereits in Form einer Sammelmappe geschieht, statt mit einem Heft, erleichtert dies die Übernahme einer Arbeit ins Portfolio.

 

Zur Auswahl der Arbeiten können unterschiedliche Vorgaben gegeben werden, je nachdem, ob es sich um eine kursbezogene Mappe oder um eine Sammlung handelt, die ausgewählte Arbeiten verschiedener Fächer umfasst, die über einen längeren Zeitraum entstanden sind (Jahresportfolio).

Portfolio, die auch Selbstbeurteilungen der SchülerInnen und Beurteilungen der Lehrenden beinhalten, können als Grundlage für eine dialogische Form der Leistungsbewertung zwischen SchülerInnen und Lehrenden dienen.

 

Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die erhöhte Transparenz der Lehrerbeurteilung. Die Bewertung wird auch für Aussenstehende nachvollziehbar, weil sie von den Dokumenten begleitet ist, auf die sich die Beurteilung bezieht. Nichts ist sachlicher als die Sache selbst.

 

Portfolio kann auch als Grundlage für Elterngespräche eingesetzt oder an Schulveranstaltungen öffentlich zugänglich gemacht werden, um weiteren Kreisen Einblick in die Arbeit der SchülerInnen und der Schule zu geben.

 

An Bewertungskonferenzen für Portfolios tauschen sich die Lehrenden an konkreten Beispielen über ihre Einschätzungen, Ansprüche und Beurteilungskriterien aus.

 

Sie können gemeinsam suchen, wie sie die Entwicklung einzelner SchülerInnen stützen und fördern wollen.

 

Ein solch umfassendes Portfolio kann die traditionelle Zeugnisform ersetzen. Zudem gibt es Lehrmeistern und abnehmenden Schulen einen direkten Einblick in die Arbeitsweise und -leistung eines Schülers.